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Short Opinion – Öffentliche Wahrnehmung von Leerverkäufern

Binvest 0

Nachdem mein letzter Blogartikel wirklich ewig zurück liegt – das war selbstredend überhaupt nicht so geplant, aber durch Umzug, Uni, Alltag kam das leider etwas kurz – habe ich mich entschlossen, neben Aktienanalysen, die natürlich etwas zeitaufwendiger sind, auch andere Artikel zu veröffentlichen, die eher meine eigene Meinung abbilden und zum Nachdenken anregen sollen.

Pünktlich zum Platzen der Wirecard-Privatanlegereuphorie habe ich beim Lesen von „Margin of Safety“ von Seth Klarman realisiert, wie fehlgeleitet die öffentliche Wahrnehmung bezüglich Shortsellern aus rationaler Sicht, geprägt durch die mediale Berichterstattung und das persönliche Empfinden von Einzelindividuen, ist.
Leser, die selbst in Wirecard investiert waren, sehen diesen Artikel vielleicht als unnötige Moralpredigt, aber es ist nur mein Versuch, meine Gedanken zu ordnen und auf Basis dessen eigene psychologische Fehlleitungen zu vermeiden. Über eigene Meinungen und Ergänzungen der Leser in den Kommentaren würde ich mich wie immer freuen.

Leerverkäufer werden in den Medien meist wie raffgierige Spekulanten dargestellt, die den armen ängstlichen Privatinvestoren das Geld aus der Tasche ziehen wollen, indem sie die Kurse drücken.
Doch inwiefern ergibt dieses medial gezeichnete Bild Sinn?

Betrachten wir die Ansichten zu Leerverkäufen mal aus Sicht eines Langfristinvestors, der eine Aktie gründlich analysiert hat und aufgrund des niedrigen Preisniveaus gepaart mit guten Zukunftsaussichten gekauft hat.
Ein systematisch handelnder Investor würde das Fallen einer Aktie durch Leerverkäufer bei vorheriger guter Analyse eher dazu nutzen, die Aktie nachzukaufen, als sich in die Beschwerde über die Shortseller zu vertiefen.
Nur ein Spekulant, der eine Aktie kauft, weil er davon ausgeht, dass der Kurs der Aktie aufgrund weiterhin hoher Nachfrage weiter steigen wird, lässt sich durch gefallene Kurse verunsichern.


Genau genommen kann man vermutlich beide Seiten (long und short) in Investoren und Spekulanten untergliedern.
Übersteigt das Kursniveau einer Aktie aufgrund spekulativer Aktivitäten der Marktteilnehmer den vom Langzeitinvestor errechneten inneren Wert der Aktie signifikant, ergibt es für den Langfristinvestor Sinn, auf einen Kursverfall dieses Wertpapiers zu setzen – eventuell auch, um andere Position abzusichern.
Dabei verfolgt er sozusagen die Strategie, dass jede Überbewertung im Markt mittelfristig wieder ausgeglichen wird und somit die leerverkaufte Aktie bei steigendem Gesamtmarktniveau zumindest weniger stark steigt als sein restliches Portfolio (und bei fallendem Gesamtmarkt die Portfolioverluste überproportional ausgleicht).
Diese Herangehensweise hat auch in großem Maßstab nichts Verwerfliches, wird aber von Seiten der Long-Spekulanten – meist gefüttert von „Analysten“stimmen- meist komplett irrational negativ aufgenommen.

Natürlich gibt es neben dieser langfristig agierenden Kategorie von Shortsellern auch Leerverkäufer, die kurzfristige Motivationen verfolgen.
Das stellt aber in meinen Augen nur das Gegenbild zum Long-Spekulanten dar. Diese beiden Formen der Spekulation sorgen für die Findung kurzfristiger Marktpreise, eröffnen Value Investoren aber mittelfristig durch enorme Kursüber- und untertreibungen Chancen, die Benjamin Graham mit dem Konzept von Mr. Market umschrieben hat.

Abgegrenzt von der Entscheidungsfindung des Investierens, kann Spekulation als Anlageentscheidung auf Basis der zukünftig erwarteten Marktpreisveränderung gesehen werden. Man guckt also nicht auf den inneren Wert der Aktie, sondern sagt Kursänderungen aufgrund Änderungen in der Psychologie der Marktteilnehmer voraus.
Wer seine Entscheidungen selbst anhand von Trading-Mustern von Aktien, die komplett unabhängig vom inneren Wert des Wertpapiers sind, trifft, darf sich nicht darüber echauffieren, wenn Leerverkäufer das massenpsychologische Moment der Angst von Kleinaktionären ausnutzen und sich eben diese Trading-Muster dabei als Verstärkung des Kursausschlages zu Nutze machen.

Wer sich bei seiner Aktienwahl langfristig sicher ist, muss mindestens lernen, von fallenden Preisen unbeeindruckt zu bleiben und größere Preisstürze (stärkere Abweichung vom inneren Wert) zum Aufstocken der Aktienposition nutzen.
Wer Aktien ohne eigenes System auswählt und somit bei Buchwertverlusten die eigene Aktienauswahl hinterfragt, sollte, um Kosten, Zeit und Nerven zu sparen, immer langfristige Indexfondsinvestitionen dem Investment in Einzelaktien vorziehen.

Hätten Investoren die Meldungen von gestiegenen Leerverkaufszahlen bei Wirecard als Aktion pessimistisch eingestellter Langfristinvestoren mit großen Researchressourcen interpretiert, wären sie vermutlich auch deutlich pessimistischer und kritischer mit den Rechtfertigungen von Wirecard ins Gericht gegangen.
So war der Schuldige schnell gefunden: Der Spekulant auf der anderen Seite des Nordatlantiks.
Dass sie dabei selbst zu Long-Spekulanten mutierten, weil sie hofften, der Kurs steigt in kurzer Zeit wieder auf neue Hochs, wenn die Gerüchte ausgeräumt sind, ist wohl den Wenigsten selbstkritisch in den Sinn gekommen.

In der Nachbetrachtung lässt sich natürlich immer sehr leicht urteilen. Ein Betrug in solchem Ausmaß haben wahrscheinlich nicht mal die Hedgefonds kommen sehen.
Aus Sicht eines disziplinierten Value-Investors wäre Wirecard aber vermutlich nie im Portfolio gelandet.
Einerseits waren sie vor 2-3 Jahren mit einem sehr hohen Preis an der Börse bewertet (was enorme Risiken bei sinkenden Wachstumsraten impliziert) und andererseits setzt sich ein Value Investor immer zum Ziel, das Geschäftsmodell bestmöglich zu verstehen.
Spätestens nach den ersten Berichten der Financial Times hätte eine realistische Hinterfragung der Zusammenhänge zur Einordnung in den von Buffett vielzitieren „Too Hard Pile“ für nicht eindeutige Entscheidungen geführt, weil für Außenstehende zu große Unsicherheiten zur Einschätzung bestanden.
Anzuerkennen, dass man persönlich eine Aktie nicht einschätzen kann, ist ein Zeichen von Stärke und wird langfristig dazu führen, deutlich weniger Risiken (bei höherem Rechercheaufwand) einzugehen.

In seinem sehr zu empfehlenden Buch Margin of Safety zeigt Seth Klarman auf, dass wir Leerverkäufern psychologisch negativ gegenüber eingestellt sind, weil vor allem spekulative Anleger der Meinung sind, Aktienpreise müssten immer steigen.
Diese Psychologie der spekulativen Kleinanleger führt auch zu einer regulatorischen Benachteiligung der Leerverkäufer, die sich im Leerverkaufsverbot der BAFIN für Wirecard leider eindrucksvoll manifestiert hat.

Ich freue mich jederzeit über ergänzende Beiträge und Diskussionen in den Kommentaren. Für meine recht verschachtelte Ausdrucksweise entschuldige ich mich 😀

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